Schiris sind...

Grüne Karte wegen schimpfender Eltern!

Eine nette Geschichte kursiert seit einigen Wochen durchs Internet:

Das Vorbild der Woche vom 15.10.2009

Auf die Schiedsrichter schimpfen kann jeder, aber bekommen wir so bessere Schiedsrichter? Schlimmer noch: Werden künftig überhaupt noch Menschen bereit sein zum Pfeifen? Das erste, was junge Schiedsrichter bei ihren allerersten Einsätzen hören, sind empörte Zuschauer, meist Eltern von den Kindern, deren Spiel sie leiten. Und die ihnen den Spaß am Pfeifen ganz schnell verleiden. Das ist ein Problem in allen Sportarten, auch beim Handball. Und es wiederholt sich an nahezu jedem Wochenende in allen Hallen, natürlich auch in Buxtehude.

Lars Hoffmann vom TVB Hamburg hat jetzt in der Buxtehuder Halle einen  bemerkenswerten Beitrag geleistet. Er war Betreuer im Spiel der männlichen F-Jugend (Jahrgang 2000 und jünger). Das Spiel wurde – wie in der F-Jugend üblich – von jungen Schiedsrichtern des Heimvereins geleitet. In diesem Fall Björn (15) und Simon (15), die gerade ihren Schiedsrichterschein gemacht haben und nun erste Erfahrungen sammeln sollen. Dass in solchen Fällen kein fehlerfreies Spiel von den beiden „Anfängern“ zu erwarten ist, versteht sich eigentlich von selbst. Doch die Eltern im Gäste-Block schimpften bald schon wie die Rohrspatzen.


Was tat Betreuer Hoffmann? Er zückte Mitte der 2. Halbzeit die Grüne Karte für ein einminütiges Team-Time-Out. Doch seine Jungs, die sofort in Erwartung neuer Instruktionen auf ihn zustürmten, die ließ er links liegen. Schnurstracks ging es über das Spielfeld zur Tribüne und sprach mit „seinen“ Eltern. Tenor: Hier pfeifen junge Schiedsrichter, die ausgebildet werden sollen. Wer es nicht ertragen könne, dass diese junge Schiedsrichter bei der Spielleitung Fehler machen, der möge auf der Stelle die Halle verlassen. Sprach’s und ging zurück zu seiner Trainer-Bank.

Unser Vorbild der Woche, Lars Hoffmann. Es muss – auch bei den Eltern – ja nicht immer gleich die gelbe oder rote Karte sein. Wir sehen – manchmal tut es auch die grüne. Aber wir alle müssen unsere Schiedsrichter schützen,  insbesondere unsere Jüngsten. Sonst stehen künftig nur noch Mannschaften in der Halle ohne Schiedsrichter. Wie die(selben) Eltern dann wohl schimpfen…
In diesem Sinne: Zivilcourage ist auch in der Handballhalle gefragt. Auch Eltern dürfen gerne andere Eltern darauf hinweisen, dass andauerndes Gemecker keine Lösung ist.

Wenn Ihr mit der Schiedsrichterleistung unzufrieden seid, sprecht Eure Abteilungsverantwortlichen an, die werden berechtigte Kritik an die richtigen Stellen weiterleiten.

Schiris sind immer schlecht, oder ?

Es ist eigentlich egal, ob man aktiver Spieler, Mitspieler oder Sofasportler ist, ebenso egal ist es, ob es sich um Fussball oder Handball handelt: Die Schiris sind immer gut - für eine verbale Abreibung. Selbst wenn man gewinnt, werden sie oft und lapidar mit dem Attribut "schlecht" umschrieben...

Die, die so etwas von sich geben sind meistens nicht die, die als Trainer im sogenannten emotionalen Ausnahmezustand (gern genutzte Entschuldigung bei den Profis...) aufbrausen oder Spieler die wissentlich mehr oder weniger immer die Grenzen der Regeln austesten. Die aktiv Beteiligten sind meistens noch die, die sich später entschuldigen und froh sind, dass überhaupt noch jemand pfeift...  (meistens jedenfalls, nicht immer...)

Die eigentlich unbeteiligten, die Nachtreter, die großmäuligen Zuschauer, die aus ihrer Anonymität heraus ihr 20prozentiges Halbwissen in die Halle schreien... die haben mit ziemlicher Sicherheit selbst noch nie ein Spiel geleitet, so nennt man nämlich die Tätigkeit des Schiedsrichters.

Der Zuschauer ist stets im Vorteil. Er sitzt erhaben in meist besserer Sichtposition als der oder die Schiedsrichter. Er lehnt sich zurück und kann ganz relaxt eine falsche Entscheidung nach der anderen fällen - kein Problem, niemand sagt "schlechter Zuschauer" zu ihm oder er muß nicht fürchten montags in der Zeitung von seinem Halbwissen zu lesen... Egal wieviel technische Fehler der Spieler macht - wird er vom Schiri als schlechter Spieler betitelt? 

Was selbst manchem Schiedsrichter die Schweißperlen beim jährlichen Regeltest af die Stirn treibt: Wer von den Spieler oder Zuschauern beherrscht schon perfekt das Regelwerk? Nicht mal annähernde Kenntnisse trifft man da oft an. Man braucht nur mal ein oder zwei Regelfragen stellen. Die wenigsten kennen sich aus, und die nicht wirklich. Kein Wunder - bei der Regelfülle... Beispiel: ihr müßt mal beobachten, wie lächerlich oft noch "Kreisab" ausgeführt wird, obwohl es dass seit mindestens 2 Jahren nicht mehr gibt. Oder wie oft Spieler noch Freiwurf ausführen möchten, wenn der Ball an die Hallendecke dotzte. Einwurf ist da vorgesehen.

Natürlich machen Schiris Fehler. Nur eine Sekunde lang nicht aufgepasst, die Gedanken noch bei der letzten Aktion, man wurde abgelenkt oder die Sicht war nicht optimal. Weil die Spieler gehen eben nicht an die Seite, damit der Schiri alles optimal sieht, er hat keine 5 Kameras die ihm in Zeitlupe die Situation nochmals und nochmals vorspielen um dann die richtige Entscheidung zu fällen. Oder eine Situation birgt mehrere Sichtweisen und somit nicht nur eine Entscheidung - Egal - immer wird erwartet, dass der Schiri in Sekundenbruchteilen genau richtig enscheidet... wobei Richtig oder Falsch ja noch davon abhängt, was man als Richtig und Falsch versteht - Stichwort Regelkenntnisse.

Nun hat jeder Spieler der Fehler macht, die Möglichkeit sich auf die Bank zu setzen... er muss unter der emotionalen Belastung, dass ihn alle als Idioten, Blindfisch oder Deppen betiteln, nicht weiterspielen... doch wenn er sich nicht auswechseln kann, weil niemand da ist, dann weiß jeder, der die Seuche an den Fingern hat, wie erfolglos ein einmal schlechtes Spiel seinen Weg nimmt...

Der Schiri hingegen bleibt im Focus der Besserwisser. Hat er einmal einen Fehler gemacht, bekommt er sein Fett weg. Beginnt er in dem Moment sich darüber Gedanken zu machen, dann hat er verloren. Der nächste Fehler kommt bestimmt, die Spirale der verbalen Ausfälle verlässt die Ebene der Entrüstung und findet den Weg zur platten Pöbelei bis hin zu übelsten Beschimpfungen und Beleidigungen. Im normalen Leben grüßt da der Staatsanwalt... (oder die Bild siehe Jürgen Klopp) 

Der Schiri, er kann sich nicht auswechseln lassen. Er muß dieses verdammte Spiel mit diesen schlechten Spielern vor diesem Publikum durchziehen... und er bekommt keinen Siebenmeter, wenn er verbal "gefoult" wird.

Euer Webhamster spielt seit vielen Jahren Handball. Ich schließe mich da nicht unbedngt aus: Schirientscheidungen zu kritisieren ist einfach, ihm die Schuld am schlechten Spiel zu geben noch einfacher... Bis ich mich aufmachte, selbst ein Schiri zu werden. Allein die Regelfragenbüffelei stellt einen Führerscheintest weit in den Schatten. Aber das Pfeiffen selbst - das eröffnete mir eine neue Sichtweise der Dinge. Könnt Ihr Euch vorstellen, wieviel Adrenalin durch die Blutbahnen gejagt wird, wenn man das erste Mal auf der Platte steht, gleich mal eben Verbandsliga und der Schiri-Beobachter auf der Tribüne? Die erste Saison ist noch nicht ganz überstanden, da hat mein Gespannspartner bereits die Pfeife wieder an den Haken gehängt, was ich etwas bedauere aber gut verstehe... Den Stress will er sich nicht mehr geben. Ich versuche es noch weiter, jedoch auch ich bin mir nicht sicher, ob ich durchhalte, denn mal eben eine Truppe ausgefuchster A- oder B-Klasse-Spieler zu pfeiffen, ist alles andere als easy...

Und in eigener Sache: Wenn bei uns ein Team ein schlechtes Spiel spielt, dann sind die Kommentare oder Berichte dazu meistens sehr kleinlaut oder sie fallen ganz aus... Was glaubt Ihr, wie Ihr Euch fühlen würdet, wenn die Schiedsricher Euer Spiel mit gleicher Münze bewerten würden, wie Ihr es immer wieder umgekehrt mit den Schiedsrichtern macht...

In diesem Sinne wünsche ich allen etwas mehr Fairness, Weitsicht, Respekt und Geduld mit den Entscheidungen, die in 99% der Fälle garantiert unparteiisch gefällt werden. Erst wenn die Spieler fehlerfrei agieren, können wir von Schiedrichtern gleiches erwarten.

> bevor ich falsch verstanden werde: ich weiß dass ich selbst noch weit weg davon bin, ein guter Schiedsrichter zu sein. Dazu fehlt mir ganz simpel die Erfahrung und die notwendige Routine... Und ich nehme Kritik, so sie berechtigt ist, gerne an... Aber auch darum geht es nicht...

Es geht in dieser Lektüre um die Art, wie mit der Spezies Schiedsrichter im Allgemeinen und im Speziellen umgegangen wird. Ob es die Medien sind, die Sportschau (Pfiff des Tages), die Fans, egal ob in der Bundesliga oder in der C-Klasse. Da wird oft und heftig weit über das Ziel hinausgeschossen.

Und für alle die mal Schiri werden wollen: Es hat auch sehr viel positive Seiten, in dieser anderen Funktion an einem Spiel teilzunehmen. Aber ein dickes Fell sollte man haben oder sich zulegen...  

Euer Webhamster und Schiri Klaus Neuhaus